
Der Anorak
Funktional, schmucklos, immer dabei. In Marineblau, Petrol oder Olivgrün. Pink: nein.
Vier Kapitel, eine Mission: Sie aus dem Reingeschmeckten-Stadium herauszuführen. Bevor es zu spät ist. Berlin als Negativbeispiel inklusive.
Hanseatische Kleidung ist nicht modisch — sie ist funktional. Sie schützt vor Wetter, Blicken und süddeutscher Belehrung. Wer in den Norden zieht, wird zuerst an seiner Garderobe erkannt: ein Anorak verrät den Eingeweihten, eine Sandalen-Socken-Kombination den Touristen.
Diese Stücke gehören in jeden Kleiderschrank zwischen Stade und Reinbek. Wer eines davon vermisst, sollte den Mangel umgehend beheben.

Funktional, schmucklos, immer dabei. In Marineblau, Petrol oder Olivgrün. Pink: nein.

Beige bis Tabakgrün. Auch im August. Gerade im August.

Geht. Steht den meisten. Wird mit Würde getragen, nicht mit Selfie.

Nur für Kapitäne. Wenn Sie keiner sind: lassen.

Streng genommen kein Kleidungsstück. Aber gehört dazu, irgendwie.

Ab 60. Vorher übertrieben. Außer Sie segeln viel.

Marineblau oder dunkelgrau. Bei weiß: Verdacht auf Berlin.

Nicht im Sommer. Nicht im Winter. Nicht in Hamburg.
Wer einen Anorak hat, hat keine Probleme."
Wir bewegen uns in einem überschaubaren Spektrum. Marineblau ist die hanseatische Grundfarbe — sie steht für Diskretion, Werftarbeit und gute Manieren. Petrol ist der Modemittwoch der Marineblauen. Olivgrün erinnert an Schiffsplanken. Beige wird im Sommer zugelassen. Alles andere: Diskussion.
Strikt zu vermeiden: Pink (nur in Lübeck Marzipan), Pastell (klingt nach Côte d'Azur), Neon (Berlin), Knallrot (München, Trachtenmode).
Bei Hochzeiten: dunkler Anzug, dunkle Krawatte, schwarze Schuhe. Bei Beerdigungen: identisch. Bei Geburtstagen: identisch, vielleicht etwas heller. Eine Sommergarderobe gibt es nicht — der Sommer dauert hier 11 Tage und ist für Eingeweihte erkennbar an einem leichten Hellgrau in der Cordhose.

Im Norden gibt es oben und unten. Oben sind wir. Unten sind die anderen. Diese Aufteilung wirkt simpel, ist aber präzise — und im Übrigen wissenschaftlich fundiert (siehe: Karten).
Hier herrscht Verwandtschaft im Geiste. Wir akzeptieren Eigenheiten, solange das Wesentliche stimmt: kein Tüddelkram, kein Smalltalk, klare Sätze.

Die Hauptstadt Norddeutschlands. Mehr ist nicht zu sagen. Der Rest ist Vergleich.

Kleinere Schwester. Werder Bremen darf gegen den HSV gewinnen — aber nicht zu oft.

Marzipan, Holstentor, Buddenbrooks. Wer da nicht war, war nicht hanseatisch.
Der Süden beginnt unmittelbar hinter Hannover. Was darüber hinaus liegt, betreten wir nur in Notfällen, etwa bei einer Dienstreise oder einer Hochzeitseinladung, der wir nicht entkommen sind.

Tritt selbstbewusst auf. Hat seine Gründe. Wir nicken höflich. Im Café spricht alle Welt zu uns. Kommt vor.

Berge, Brezen, Lederhose. Nett anzusehen, kein dauerhafter Lebensmittelpunkt. Schon gar nicht im Oktober.

Wird viel und gerne gelacht. Verstehen wir nicht ganz. Macht aber nichts. Wir lassen ihnen ihre Eigenarten.
Eppendorf: Akademiker, Kinderwagen, Bio-Café. Tolerierbar bei Ausnahmegenehmigung. Eimsbüttel: ähnlich, etwas älter und weniger laut. Eppendorf-Süd: kreativer Mittelstand, viel Anorak. Blankenese: für Lobbisten und ihre Nachkommen, die Treppen ist kein Witz. St. Pauli: der Geräuschpegel der Stadt, gleichzeitig ihr Herz. Wilhelmsburg: der unbekannteste Stadtteil mit der größten Veränderungsdynamik. HafenCity: als wäre Berlin nach Hamburg gezogen — und das fanden alle erst befremdlich, dann gewöhnungsbedürftig, dann doch eigentlich okay.
Hanseatisch ist eine Variante des Hochdeutschen mit scharf reduziertem Wortschatz. Wo der Süddeutsche fünf Sätze formuliert, kommt der Hanseat mit einem aus. Wo der Berliner zwei Bedeutungsebenen benutzt, verzichtet der Hanseat auf die zweite.
Eine kleine Gegenüberstellung. Wir empfehlen die linke Spalte.
Im Norden ist eine Pause Teil der Aussage. Eine zwei-sekündige Schweigeperiode bedeutet: Ich überlege. Eine fünf-sekündige: Ich überlege ernsthaft. Zehn Sekunden oder mehr: Es ist abgelehnt. Süddeutsche werden in dieser Phase oft nervös und beginnen, das Gesagte zu wiederholen — was wiederum zu Verstimmung führt. Sprechen Sie nicht in unsere Pausen hinein. Wir sind beschäftigt.
Wir verzichten auf Anglizismen, soweit irgend möglich. Ein „Update" ist ein „Stand der Dinge". Ein „Meeting" ist eine „Besprechung". Ein „Approach" ist ein „Vorgehen". Wer „cringe" sagt, sagt es zum letzten Mal. Wer „lit" sagt, hat seinen Senatsplatz verspielt, ehe er ihn je hatte.

Hanseatische Etikette ist knapp, korrekt und konsequent. Sie kommt ohne Schnickschnack aus, ohne Umarmungen und ohne große Worte. Wer es richtig macht, fällt nicht auf — und das ist genau der Punkt.

Knapper Händedruck, fester Augenkontakt, Nachname. „Mietzner. Erfreut." Mehr braucht es nicht. Bei Vornamen-Vorstellung: hochziehen einer Augenbraue gestattet.

„Tschüss" reicht. „Tschüssi" auf keinen Fall. „Bye bye" — bitte den Anorak gleich mitnehmen.

Es wird wenig gesprochen. Wer ein Thema beginnt, hat einen Grund. Komplimente an die Köchin: ein Wort, ein Nicken, kein Smalltalk.

Niemand öffnet die Buddel zuerst. Es ist immer der oder die Älteste. Wer Stress mit Hierarchien hat: in die Berufsschifffahrt, da gibt's klare Stufen.

Anorak ja, mitnehmen sowieso. Pünktlich auf die Minute. Ein Glas Wein, eine Frage zur Person, dann die Schweigeprobe. Wenn sie hält, hält's auch sonst.

„Schöne Frisur." — Ja. „Steht dir." — Ja. „Wow, du siehst absolut umwerfend aus, ich bin total begeistert!" — Bitte nicht.

Der Aufzug ist eine Schweigezone. „Moin" beim Einsteigen reicht. Über das Wetter zu sprechen, ist nur akzeptabel, wenn es WIRKLICH außergewöhnlich ist (Hagel im Juni z.B.).

Ja, immer. Auf den Cent. Wer „komm, ich lad dich ein" sagt, hat entweder etwas zu beichten oder ist nicht von hier.
Erstens: Hupen. Im Stau wird geschwiegen, gehupt wird in Italien. Zweitens: Schimpfen am Telefon, wenn andere zuhören. Wer telefonierend durch die Bahn geht und dabei laut wird, hat sich gerade als Reingeschmeckter geoutet. Drittens: Über das Wetter klagen. Es ist, wie es ist. Nehmen Sie's mit Würde — und einen Anorak mit.
Wenn Sie all das beherrschen, sind Sie noch lange kein Hanseat. Aber Sie sind auf einem guten Weg. Wir freuen uns nicht öffentlich, das wäre ja Stil-Bruch — aber innerlich nicken wir Ihnen zu.