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Säule III — Anwendung 4 Kapitel
— Säule III · Anwendung —
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Säule III · Anwendung

Der
Lifestyle-Guide

Vier Kapitel, eine Mission: Sie aus dem Reingeschmeckten-Stadium herauszuführen. Bevor es zu spät ist. Berlin als Negativbeispiel inklusive.

Anorak und Cordhose Stillleben
— Foto No. 004 · Garderobe-Stillleben, Schiffbek — Verfügbar in Norddeutsch —

— Inhaltsverzeichnis

I

Die Garderobe

Anorak, Cordhose und der ewige Streit mit der Mütze.

II

Die Geographie

Norden, Süden, und alles dazwischen, das nicht gemeint ist.

III

Die Sprache

Das Wesentliche in drei Worten oder weniger.

IV

Die Etikette

Was tun, lassen, ignorieren — in dieser Reihenfolge.

I
— Kapitel Eins

Die Garderobe

Hanseatische Kleidung ist nicht modisch — sie ist funktional. Sie schützt vor Wetter, Blicken und süddeutscher Belehrung. Wer in den Norden zieht, wird zuerst an seiner Garderobe erkannt: ein Anorak verrät den Eingeweihten, eine Sandalen-Socken-Kombination den Touristen.

1.1 — Die Pflichtstücke — 8 Posten

Diese Stücke gehören in jeden Kleiderschrank zwischen Stade und Reinbek. Wer eines davon vermisst, sollte den Mangel umgehend beheben.

— Pflicht

Der Anorak

Funktional, schmucklos, immer dabei. In Marineblau, Petrol oder Olivgrün. Pink: nein.

— Pflicht

Die Cordhose

Beige bis Tabakgrün. Auch im August. Gerade im August.

— Gut anlässlich

Die Schiebermütze

Geht. Steht den meisten. Wird mit Würde getragen, nicht mit Selfie.

— Tabu

Die Kapitänsmütze

Nur für Kapitäne. Wenn Sie keiner sind: lassen.

— Zubehör

Die Buddel

Streng genommen kein Kleidungsstück. Aber gehört dazu, irgendwie.

— Optional

Die Pfeife

Ab 60. Vorher übertrieben. Außer Sie segeln viel.

— Akzeptabel

Dunkle Sneaker

Marineblau oder dunkelgrau. Bei weiß: Verdacht auf Berlin.

— NIEMALS

Sandalen mit Socken

Nicht im Sommer. Nicht im Winter. Nicht in Hamburg.

Wer einen Anorak hat, hat keine Probleme."

— H. Schmidt · Hafenarbeiter · Baumwall · 1973

1.2 — Farbpalette und ihre Bedeutung

Wir bewegen uns in einem überschaubaren Spektrum. Marineblau ist die hanseatische Grundfarbe — sie steht für Diskretion, Werftarbeit und gute Manieren. Petrol ist der Modemittwoch der Marineblauen. Olivgrün erinnert an Schiffsplanken. Beige wird im Sommer zugelassen. Alles andere: Diskussion.

Strikt zu vermeiden: Pink (nur in Lübeck Marzipan), Pastell (klingt nach Côte d'Azur), Neon (Berlin), Knallrot (München, Trachtenmode).

1.3 — Die Garderobe in Krisensituationen

Bei Hochzeiten: dunkler Anzug, dunkle Krawatte, schwarze Schuhe. Bei Beerdigungen: identisch. Bei Geburtstagen: identisch, vielleicht etwas heller. Eine Sommergarderobe gibt es nicht — der Sommer dauert hier 11 Tage und ist für Eingeweihte erkennbar an einem leichten Hellgrau in der Cordhose.

Hafen Panorama
II
— Kapitel Zwei

Die Geographie

Im Norden gibt es oben und unten. Oben sind wir. Unten sind die anderen. Diese Aufteilung wirkt simpel, ist aber präzise — und im Übrigen wissenschaftlich fundiert (siehe: Karten).

2.1 — Die guten Städte (Norddeutschland)

Hier herrscht Verwandtschaft im Geiste. Wir akzeptieren Eigenheiten, solange das Wesentliche stimmt: kein Tüddelkram, kein Smalltalk, klare Sätze.

Hamburg

— Heim und Maßstab

Die Hauptstadt Norddeutschlands. Mehr ist nicht zu sagen. Der Rest ist Vergleich.

Bremen

— Verwandt, geduldet

Kleinere Schwester. Werder Bremen darf gegen den HSV gewinnen — aber nicht zu oft.

Lübeck

— Hochrespektiert

Marzipan, Holstentor, Buddenbrooks. Wer da nicht war, war nicht hanseatisch.

2.2 — Die fragwürdigen Städte (Vorsicht walten lassen)

Der Süden beginnt unmittelbar hinter Hannover. Was darüber hinaus liegt, betreten wir nur in Notfällen, etwa bei einer Dienstreise oder einer Hochzeitseinladung, der wir nicht entkommen sind.

Berlin

— Mit Vorbehalt

Tritt selbstbewusst auf. Hat seine Gründe. Wir nicken höflich. Im Café spricht alle Welt zu uns. Kommt vor.

München

— Eindeutig südlich

Berge, Brezen, Lederhose. Nett anzusehen, kein dauerhafter Lebensmittelpunkt. Schon gar nicht im Oktober.

Köln

— Anderer Schlag

Wird viel und gerne gelacht. Verstehen wir nicht ganz. Macht aber nichts. Wir lassen ihnen ihre Eigenarten.

2.3 — Stadtteile und ihre Heimlichkeiten

Eppendorf: Akademiker, Kinderwagen, Bio-Café. Tolerierbar bei Ausnahmegenehmigung. Eimsbüttel: ähnlich, etwas älter und weniger laut. Eppendorf-Süd: kreativer Mittelstand, viel Anorak. Blankenese: für Lobbisten und ihre Nachkommen, die Treppen ist kein Witz. St. Pauli: der Geräuschpegel der Stadt, gleichzeitig ihr Herz. Wilhelmsburg: der unbekannteste Stadtteil mit der größten Veränderungsdynamik. HafenCity: als wäre Berlin nach Hamburg gezogen — und das fanden alle erst befremdlich, dann gewöhnungsbedürftig, dann doch eigentlich okay.

III
— Kapitel Drei

Die Sprache

Hanseatisch ist eine Variante des Hochdeutschen mit scharf reduziertem Wortschatz. Wo der Süddeutsche fünf Sätze formuliert, kommt der Hanseat mit einem aus. Wo der Berliner zwei Bedeutungsebenen benutzt, verzichtet der Hanseat auf die zweite.

3.1 — Vokabular: Norden vs. Süden

Eine kleine Gegenüberstellung. Wir empfehlen die linke Spalte.

Hier sagen wir… Im Süden sagt man… Anmerkung
Moin Servus / Grüß Gott / Hallöchen Tageszeit-unabhängig. Ein Wort. Reicht.
Tschüss Pfiat di / Adieu / Ciao Bella Verabschiedungsformel. Auch in Doppelung okay.
Schmeckt Lecker! / Total lecker! „Lecker" wird hier nicht verwendet. Nie.
Geht klar Wahnsinn! / Mega! / Krass! Höchstes Lob in zwei Worten.
Ach, was. Wahnsinn! Erzähl mehr! Ausdruck von Erstaunen plus Desinteresse.
So. Aha, interessant! Beendigung eines Gesprächs. Endgültig.
Nicht schlecht Wunderschön! / Traumhaft! Höchste hanseatische Bewertung.
Schietwetter Sauwetter / Mistwetter Wertneutrale Beschreibung. Kein Anlass zur Klage.
Tüddelkram Schnickschnack / Brimborium Alles, was nicht notwendig ist.
Quatsch Unsinn! / So ein Blödsinn! Beendigung mit Handbewegung.
Zwirbeln Erledigen / Schaffen Eine Aufgabe knapp und präzise lösen.
Mensch ist okay Sehr lieber Mensch! Höchstes Personenkompliment.

3.2 — Pausen und ihre Bedeutung

Im Norden ist eine Pause Teil der Aussage. Eine zwei-sekündige Schweigeperiode bedeutet: Ich überlege. Eine fünf-sekündige: Ich überlege ernsthaft. Zehn Sekunden oder mehr: Es ist abgelehnt. Süddeutsche werden in dieser Phase oft nervös und beginnen, das Gesagte zu wiederholen — was wiederum zu Verstimmung führt. Sprechen Sie nicht in unsere Pausen hinein. Wir sind beschäftigt.

3.3 — Anglizismen und der strikte Verzicht

Wir verzichten auf Anglizismen, soweit irgend möglich. Ein „Update" ist ein „Stand der Dinge". Ein „Meeting" ist eine „Besprechung". Ein „Approach" ist ein „Vorgehen". Wer „cringe" sagt, sagt es zum letzten Mal. Wer „lit" sagt, hat seinen Senatsplatz verspielt, ehe er ihn je hatte.

Stille Esstafel
IV
— Kapitel Vier

Die Etikette

Hanseatische Etikette ist knapp, korrekt und konsequent. Sie kommt ohne Schnickschnack aus, ohne Umarmungen und ohne große Worte. Wer es richtig macht, fällt nicht auf — und das ist genau der Punkt.

4.1 — Acht Regeln für den Alltag

— No. 01

Die Begrüßung

Knapper Händedruck, fester Augenkontakt, Nachname. „Mietzner. Erfreut." Mehr braucht es nicht. Bei Vornamen-Vorstellung: hochziehen einer Augenbraue gestattet.

— No. 02

Die Verabschiedung

„Tschüss" reicht. „Tschüssi" auf keinen Fall. „Bye bye" — bitte den Anorak gleich mitnehmen.

— No. 03

Der Sonntagstisch

Es wird wenig gesprochen. Wer ein Thema beginnt, hat einen Grund. Komplimente an die Köchin: ein Wort, ein Nicken, kein Smalltalk.

— No. 04

Die Buddel-Reihenfolge

Niemand öffnet die Buddel zuerst. Es ist immer der oder die Älteste. Wer Stress mit Hierarchien hat: in die Berufsschifffahrt, da gibt's klare Stufen.

— No. 05

Das Date

Anorak ja, mitnehmen sowieso. Pünktlich auf die Minute. Ein Glas Wein, eine Frage zur Person, dann die Schweigeprobe. Wenn sie hält, hält's auch sonst.

— No. 06

Komplimente, maximal drei Worte

„Schöne Frisur." — Ja. „Steht dir." — Ja. „Wow, du siehst absolut umwerfend aus, ich bin total begeistert!" — Bitte nicht.

— No. 07

Smalltalk, nein danke

Der Aufzug ist eine Schweigezone. „Moin" beim Einsteigen reicht. Über das Wetter zu sprechen, ist nur akzeptabel, wenn es WIRKLICH außergewöhnlich ist (Hagel im Juni z.B.).

— No. 08

Die Rechnung teilen

Ja, immer. Auf den Cent. Wer „komm, ich lad dich ein" sagt, hat entweder etwas zu beichten oder ist nicht von hier.

4.2 — Drei Dinge, die ein Hanseat nicht macht

Erstens: Hupen. Im Stau wird geschwiegen, gehupt wird in Italien. Zweitens: Schimpfen am Telefon, wenn andere zuhören. Wer telefonierend durch die Bahn geht und dabei laut wird, hat sich gerade als Reingeschmeckter geoutet. Drittens: Über das Wetter klagen. Es ist, wie es ist. Nehmen Sie's mit Würde — und einen Anorak mit.

4.3 — Eine letzte Bemerkung

Wenn Sie all das beherrschen, sind Sie noch lange kein Hanseat. Aber Sie sind auf einem guten Weg. Wir freuen uns nicht öffentlich, das wäre ja Stil-Bruch — aber innerlich nicken wir Ihnen zu.

— Anschlussbeschäftigung

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